Europaschule in NRW bilingualer deutsch-franz. Zweig AbiBac

Q1 Bili-Kurs und AK Courage (SV) richten besonderen Gedenktag aus

„Eröffnung der Reichskolonialtagung in Bochum“ – so titelte die Westfälische Volks-Zeitung am 28. Mai 1926. Im Parkhaus im Stadtpark fand die zentrale Veranstaltung statt, auf der unter anderem bestens bekannte „Kolonialhelden“ zu finden waren.

Auf den Tag genau 100 Jahre später und ca. 100 Meter Luftlinie von dem damaligen Veranstaltungsort entfernt richtete nun der Geschichte bilingual Kurs der Q1 eine besondere Form des Gedenkens aus: Die SchülerInnen hatten – zum großen Teil während meiner Elternzeit und somit sehr selbstständig – die historischen Ereignisse und den dazugehörigen Kontext im Bochumer Stadtarchiv und im Internet recherchiert und davon ausgehend eine eigene Ausstellung erstellt, die sie nun in der Pausenhalle der Schulgemeinde präsentierten.

Ausstellung Pausenhalle

Diese Ausstellung begann mit einem von Djamy gelieferten Überblick über Kolonialismus allgemein sowie die deutschen Kolonien, die es von 1884-1919 gab. Dann wurde der Fokus auf den Lokalbezug gelenkt: Was hat denn nun Kolonialismus in Bochum zu suchen? Dies erklärten Kathi und Jördis mit passendem Verweis auf ein Fotoalbum und die Tageszeitung von 1926, die wir im Stadtarchiv finden konnten. Sie konnten die anderen Lerngruppen damit überraschen, dass für sie alltägliche Orte der näheren Umgebung – so etwa das Parkhaus oder auch die neben dem Schulgebäude entlangführende Kurfürstenstraße, über die der Festzug während der Kolonialtage ging.

Anschließend leiteten Max, Mathilda und Léa zu einem weiteren problematischen Aspekt über: koloniale Völkerschauen und „Menschenzoos“. In ihrer Recherche und durch den Austausch mit ExpertInnen und AktivistInnen konnten sie herausfinden, dass es auch in Bochum insg. 22 Völkerschauen gab, die bis 1932 durch- und aufgeführt wurden. Teilweise handelte es sich dabei um „exotische“ Tanzaufführungen, es gab aber auch solche, die der Kategorie Menschenzoo zugerechnet werden können. Indigene Inuits beispielsweise, die als „Polar-Familie“ wie Tiere ausgestellt wurden.  Mitten im Ruhrgebiet, mitten in Bochum. Auch diese Gruppe konnte über eine bearbeitete Karte aufzeigen, dass es in unmittelbarer Nähe zu unserem Schulgebäude mit dem Parkhaus, dem Bismarckturm und dem historischen Nordbahnhof gleich mehrere Orte gibt, die sich mit der Kolonialzeit in Verbindung lassen. Sie zeigten dadurch auf, dass diese Orte für uns auch Erinnerungsorte sind und man sich dessen bewusst sein sollte.

Unsere Gastschülerin Emma aus Kanada hatte dann noch einen besonderen Impuls vorbereitet: die Erinnerung an Kolonialismus in Kanada. In der Vorbereitung auf die Veranstaltung war nämlich die Frage aufgekommen, wie dort heute mit der ebenfalls nicht unproblematischen Geschichte umgegangen wird. Emma konnte darüber berichten, dass sich die kanadische Regierung zwar erst seit 2008 wirklich ernsthaft um ein Wiedergutmachen gegenüber den unterdrückten nordamerikanischen Ureinwohnern - den „First Nations“ - bemüht, sie aber seitdem sehr aufrichtig für Versöhnung und Gerechtigkeit einsteht. Es gibt seit 2008 sogar einen nationalen Feiertag in ganz Kanada, an dem viele Menschen orangene T-Shirts tragen, um auf das Leid von indigenen Kindern hinzuweisen, die entrechtet und zwangsweise assimiliert wurden.


Pausenaktion I

Abgerundet wurde die Ausstellung dann von Emily und Madleine, die die Brücke zur Gegenwart schlugen und darauf hinwiesen, dass auch heute noch Menschen von Alltagsrassismus betroffen sind. Madleine las zum Abschluss einen Text vor, in dem sie ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema teilte. Dieses beeindruckende Plädoyer für mehr Toleranz und Empathie findet ihr im Anhang. Durch eine interaktive Abfrage wurde im Laufe des Tages immer deutlicher, dass Menschen deutlich unterschiedliche Erfahrungen machen, je nachdem, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht.

Begleitet wurde die Ausstellung darüber hinaus von einer Pausenaktion, die in Absprache mit dem Arbeitskreis Courage der SV vorbereitet worden war.


Pausenaktion II

Begüm und Emily aus diesem AK hatten sich für den zweiten Teil der Stunde dann noch eine Aktivität überlegt, die diese Problematik aufzugreifen wusste. In einem Rollenspiel animierten sie die Lerngruppen durch verschiedene Rollenkarten. Diese Rollen bestanden aus wenigen Kriterien, anhand derer sich die Teilnehmenden entscheiden mussten, ob sie in verschiedenen Situationen, z.B. bei der Wohnungssuche eher privilegiert wären oder vermutlich eher diskriminiert würden. Aus dieser Aktivität ergaben sich in allen Lerngruppen interessante Konstellationen und in der abschließenden Reflexionsphase häufig auch sehr spannende Erkenntnisse bezüglich gesellschaftlicher Privilegien und Diskriminierungs-Phänomene.


SV-Aktion

So souverän wie der Q1-Kurs durch die eigene Ausstellung führte, so souverän animierten die beiden 9.Klässlerinnen auch das mit Unterstützung von Frau Matern erstellte Rollenspiel, das sie auch mit teilweise deutlich älteren SchülerInnen durchführten.

Für den Q1 GEb-Kurs, ein stolzer Manuel Mink

Ein Bild der Skyline der Zeche Bochum