Europaschule in NRW bilingualer deutsch-franz. Zweig AbiBac

Am 29. September 2026 fand der Hildegardis-Tag für die Jahrgangsstufe Q1 unter dem Leitthema „Europa – erinnern, um unsere Zukunft zu gestalten“ statt. Im Rahmen verschiedener Workshops setzten sich die Schüler*innen mit (lokaler) Geschichte und Erinnerungskultur auseinander. Eine Gruppe machte sich auf den Weg zur Zeche Zollverein in Essen, um am vierstündigen Workshop „Holo-Voices“ von ZWEITZEUGEN e. V. teilzunehmen. Dort erwartete sie eine besondere Begegnung mit der Geschichte des Holocaust: mithilfe moderner Hologramm- und KI-Technik.

Zu Beginn des Workshops näherten sich die Schülerinnen den Erfahrungen von Holocaustüberlebenden mithilfe der Postkartenmethode. Dabei wählten die Teilnehmenden Aussagen von Zeitzeug*innen aus, die sie besonders berührten, und tauschten sich darüber aus, welche Gedanken und Gefühle diese in ihnen auslösten. Anschließend folgte eine historische Einordnung des Holocausts und des Antisemitismus. Von seinen Ursprüngen im Mittelalter bis zu heutigen Erscheinungsformen, etwa in aktuellen Rap-Songs, wurde deutlich, wie sich antisemitische Vorurteile und Ausgrenzungsmechanismen über Jahrhunderte hinweg verändert haben und dennoch bis in die Gegenwart fortwirken.

Im Mittelpunkt der anschließenden Gruppenarbeit stand das Leben von Inge Auerbacher, die am 31. Dezember 1934 in Kippenheim geboren wurde. Die einzelnen Gruppen beschäftigten sich mithilfe einer Ausstellung mit den unterschiedlichen Lebensabschnitten der Zeitzeugin und erarbeiteten wichtige Stationen ihrer Biografie. Bereits als Kind erlebte Inge Auerbacher die zunehmende Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Während der Novemberpogrome 1938 wurden ihr Vater und ihr Großvater in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Ab 1941 besuchte sie eine jüdische Schule in Stuttgart, bevor sie am 22. August 1942 gemeinsam mit ihren Eltern in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Nach der Befreiung durch die Rote Armee am 8. Mai 1945 begann für die Familie ein neuer Lebensabschnitt. Im Herbst 1950 emigrierte Inge Auerbacher in die USA, wo sie später Chemie studierte und als Chemikerin arbeitete.

Der Höhepunkt des Workshops war die Begegnung mit dem Hologramm von Inge Auerbacher. Mithilfe moderner KI-Technik und Natural Language Processing (NLP) können Besucher*innen Fragen an die digitale Darstellung der Zeitzeugin richten. Das System wählt dazu passende originale Videoantworten aus aufgezeichneten Interviews aus. Auf diese Weise entsteht der Eindruck eines persönlichen Dialogs, obwohl die Antworten auf bereits gefilmten Aussagen beruhen. Für die Schüler*innen eröffnete sich dadurch ein ungewöhnlicher Zugang zur Lebensgeschichte einer Holocaustüberlebenden: Sie konnten eigene Fragen formulieren und sich unmittelbar mit ihren Erfahrungen, Erinnerungen und Perspektiven auseinandersetzen.

Zum Abschluss diskutierten die Teilnehmenden die Möglichkeiten und Grenzen dieser Form der Erinnerung. Welche Chancen bietet künstliche Intelligenz, wenn immer weniger Überlebende selbst von ihren Erlebnissen berichten können? Wie authentisch kann eine digitale Begegnung sein, und wo liegen die Grenzen einer technischen Rekonstruktion persönlicher Erinnerungen? Dabei wurde deutlich, dass holografische Zeitzeugnisse die persönliche Begegnung mit Überlebenden nicht ersetzen, aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, ihre Stimmen auch für kommende Generationen zugänglich zu machen.

Ein Bild der Skyline der Zeche Bochum